Respekt vor Natur & Kreatur

Die Geschichte der Bauerngockel

Freilaufende Hühner

Unser Hof
Die Hofstelle mit über 10.000 qm Dachfläche erwarben wir kurz vor der Grenzöffnung im Jahre 1989. Seit Juli 1990 wohnten wir hier 25 Jahre mit unseren fünf Kindern, die nunmehr alle „ausgeflogen sind" und ihre eigenen Wege gehen, fast alle im Umwelt- und Handwerksbereich. Das Aufwachsen auf dem Lande war für sie prägend. Mit großem Aufwand haben wir die alten (und verschandelten) Fachwerkgebäude saniert und ihnen den Glanz der „goldenen Zuckerrücken-Zeit" zurückgegeben.

Durch den Wohlstand mit Eröffnung der Fabrik in Uelzen Ende des 19. Jahrhunderts war es vielen Bauern möglich, die Wohngebäude repräsentativ aufzustocken und große Scheunen und Ställe für Lagerung und Tierhaltung zu bauen. Deshalb werden diese Höfe in der Heide auch „Rübenburgen" genannt.

Unsere über 800 Jahre alte Hofstelle enthielt alles, was für eine langsame und artgerechte Mast von gutem Geflügel notwendig war. Angefangen von der Elterntierherde und Kükenaufzucht über die Getreidesilos bzw. -reinigungsanlage, den mobilen Freilandställen bis hin zu den Schlachträumen sorgten wir für eine würdige Behandlung unseres Geflügels.

Seit 1997, dem Beginn unserer Bauerngockelmast, bezogen wir viele Eintagsküken aus Oberösterreich, wo unser Freund Sepp Spernbauer in Schlierbach eine Bio-Brüterei betreibt. Leider hat der deutsche Handel in Verbindung mit dem Bioboom auch Auswirkungen auf die Erzeuger in Österreich.

Durch Mastanforderungen für immer schnelleres Wachstum arbeitet man heute dort wie hier (auch im Biobereich!) mit weißen Masthybrid-Küken.

Es wird immer schwieriger, braune (langsamwachsende) Eintagsküken für die Freilandmast zu beziehen.

So beinhaltete unser Hof schon bald eine eigene Elterntierherde, die wir aus französischer Herkunft (Label Rouge) als Eintagsküken einmal pro Jahr dort abholten und dann selbst aufzogen, bis sie ein halbes Jahr später dann die heiß ersehnten Bruteier für die Küken „produzierten".Ein vollautomatischer Vorbrüter übernahm 18 Tage lang die Aufgabe der Glucke. Danach kamen die 500 Eier dann in den ca. 50 Jahre alten englischen Schlupfbrüter und nach weiteren drei Tagen konnten wir aus den jeweiligen Fächern dann die Eintagsküken in den Aufzuchtstall bringen, der gut geheizt das weitere Leben des Geflügels bestimmte...

Bunte Hühner
Gockelmobil

Futter und Haltung
Erstklassiges und in der Menge wohldosiertes Futter sorgt dafür, dass die heranwachsenden Bauerngockel auch viel unterwegs sind, um zu picken, zu hudern und herumzufliegen.

Diese artgerechte Haltung führt dazu, dass sich viel Muskelfleisch bildet. Dieses wiederum ist die Basis für den heraus-ragenden Geschmack unserer Gockel.

Drei bis vier Monate füttern wir alle Tiere „händisch" ohne Automatik, d.h. unsere Kameraden sind uns als Menschen gewohnt und laufen/ fliegen uns entgegen, wenn wir zwei- bis dreimal am Tag mit dem Futter kommen. So ist es uns auch problemlos und stressarm möglich, sie am Vorabend der Schlachtung in der Dämmerung einzufangen.

Schlachtung
Im November 1997 hatten wir die erste Gruppe von 100 Tieren noch drei Stunden zu der nächsten EG-Geflügelschlachterei fahren müssen. Wir konnten den Stress für unsere Tiere förmlich riechen und entschlossen uns, diese staatlich verordnete Tierquälerei zu beenden.

Wenn wir nur geahnt hätten, was auf uns zukommen würde. So belegten wir die notwendigen Geflügelschlachtkurse und begannen mit der Einrichtung der Schlachträume unseren „Kampf“ mit den Ordnungs-/Hygiene- und Veterinärsamt-Behörden des Landkreises Uelzen.

Einen kleinen Einblick in die Schikanen und die Willkür des „Staatsapparates“  vermittelt der Artikel „Showdown im Schlachtraum" im Pressespiegel. Auch der Bericht „Wie der Landkreis im Hühnergehege den Kürzeren zog" ist lesens- und erlebenswert. Hier ging es jahrelang um eine „ordnungsgemäße Entsorgung" des (Schlacht-) Abwassers.

So sind wir einer der ganz wenigen Betriebe, die noch über eine landwirtschaftliche Geflügelschlachtung auf dem Hof (ohne Tiertransport!) verfügen.

Auch unsere Art und Weise der Schlachtung (ohne Wasserspülung wie in den Großschlachtereien!) mit der Vakuumverpackung am nächsten Tag sorgt dafür, dass die Gockel super frisch beim Kunden ankommen (in der Regel am 2. Tag nach der Schlachtung).

Das Stallinnere
Praktisch im Trasport

Die letzten Jahre im Rückblick

Überschattet von der allgegenwärtigen Finanzkrise gab es reichlich Skandale um unsere Nahrungsmittel. Die Lebensmittelindustrie hat durch ihre (künstliche) gewinnorientierte Produktion ganz offensichtlich die Auswirkungen auf unsere Gesundheit und die Umwelt vollkommen ausgeblendet. So reiht sich ein Skandal an den nächsten, aber leider wird schnell wieder vergessen und weitergekauft.

Im Jahr 2010 standen die Hühner im Fokus des Geschehens. Ist es nicht unglaublich, dass 90 % des konventionell gemästeten (Fabrik-) Geflügels vorbeugend (d.h. ohne Krankheits-Symptome) Antibiotika bekommen? Diese Tiere werden nicht nur tierquälerisch in großen Hallen zu jeweils 40.000 gehalten, nein sie gefährden auch unsere Gesundheit und machen uns resistent gegen die manchmal notwendigen Antibiotika. Hinzu kommen die MRSA-Keime, die man früher fast ausschließlich in Krankenhäusern antraf. Heute sind schon Geflügel- und Schweinemäster infiziert!  Für uns sind das alarmierende Warnzeichen für die Zukunft unserer Ernährung bzw. Nahrungsmittel.

Unsere über 1.500 Kunden waren da ganz anders „gestrickt". Sie informierten sich nicht nur über Ökologie, sondern auch über artgerechte Tierhaltung, die auf unserem (damaligen NEULAND- & BIOLAND-) Hof erste Priorität genoss.

In 500er Gruppen konnten die Bauerngockel die letzten zwei Monate ihrer 100tägigen Mastdauer frei herumlaufen.

Eine so lange Mastdauer gibt es in Deutschland so gut wie nicht mehr. Auch im Biobereich wird mit weißen Küken in ca. 55 Tagen gemästet und selbst die Franzosen (Label Rouge) haben ihre Mastdauer von bisher 81 auf 60 Tage reduziert, weil sie im deutschen Markt „konkurrenzfähig bleiben wollen"...

Für uns war das Jahr 2011 geprägt von einem Legehennen-Versuch mit Sarah Wiener. Zunächst lieferten jeweils 50 Hennen die Eier für ihre Restaurants in Berlin. In solch kleinen Gruppen hält so gut wie niemand mehr professionell seine „Eierproduzenten". Dieser Praxisversuch war für uns sehr aufschlussreich aber auch sehr arbeitsintensiv.

Im März 2012 siedelten die Tiere nach Berlin über, um „regional zu produzieren“!

Stall - Bauphase
Draußen auch im Winter

Des Weiteren hatten wir erneut mit massiv gestiegenen Aufträgen "zu kämpfen".

Nach der Sommerpause waren das fast dreimal so viele wie im Vorjahr. 500 schlachtreife Gockel standen über 1.300 Aufträgen gegenüber, es war kaum noch zu schaffen.

Deshalb verschickten wir ab Sommer 2012 nur noch 10er Pakete. Neukunden konnten wir leider nur noch sehr begrenzt beliefern und mussten eine Warteliste einrichten. So hofften wir mit nunmehr über 60 Lebensjahren die Aufgaben in der nächsten Dekade erfolgreich meistern zu können.

Aber es kam, wie so oft im Leben, anders als geplant und erwartet… Unbemerkt von vielen Verbrauchern hat die Hühnermafia um Wiesenhof & Cons. immer mehr Einfluss genommen. Seitdem die CDU (beginnend mit Christian Wulf) hier in Niedersachsen regierte, hat diese mächtige Lobby ganze Arbeit geleistet.

So ist mit staat- und stattlicher Förderung Europas größter Schlachtbetrieb bei Celle 2011 in Produktion  gegangen. 400 Ställe mit je 40.000 Tieren im Umkreis von 100 km sollen für Nachschub sorgen. Leider gibt es jedoch mehrheitlich Stallbetreiber, die nicht über genügend Flächen zur Ausbringung des Hühnertrockenkots (HTK) auf ihre eigenen Felder verfügen. So sorgt dieser zunehmende HTK-Überschuss für Futter in den Biogasanlagen und billigen Dünger für konventionelle Groß-Agrarier.

Im März 2012 wurden drei LKW-Ladungen HTK nur 10 Meter hinter dem Grünland abgekippt, auf dem unsere Bauerngockel weideten und sich ihr Muskelfleisch erliefen. Da dieser Dünger direkt an unserer Grenze ausgebracht werden sollte, haben wir drei Proben entnommen und sie von einem namhaften Institut untersuchen lassen. Das Ergebnis war schlimmer als wir es erwartet hatten. MRSA und ESPL-Keime massiv vorhanden lautete das Ergebnis, von Salmonellen und Coli-Bakterien ganz zu schweigen.

Gerüst eines Stalls

Am Samstag, den 10.03.2012 hatten wir Wissenschaftler, Politiker (auch den heutigen Landwirtschaftsminister Christian Meyer) und die Medien eingeladen, sich bei uns vor Ort ein Bild über diesen  „Hühnerkot-Tourismus“ zu machen.

Die örtlichen Zeitungen (az-online.de), das Hamburger Abendblatt, Radio FFN, sowie SAT1, ARD und ZDF unterstützten uns und sorgten dafür, dass wichtige und gesundheitsrelevante Informationen endlich zum Verbraucher gelangten.

Besonders niederschmetternd waren jedoch die Erfahrungen mit den Behörden und der Gesetzeslage. Für deutschen HTK gibt es keine gesetzliche Grundlage bzw. Kontrolle und die Zuständigkeiten bei den diversen Behörden sind vollkommen ungeklärt und unübersichtlich! Wir versuchten, uns gegen diese Gefahr für unsere Freilandhaltung zur Wehr zu setzen. Die Aussichten waren aber bei dieser Sachlage eher negativ.

So setzten wir unsere Kunden davon in Kenntnis, dass wir im Falle der Ausbringung dieses HTK direkt an unserem Grünland die Bauerngockel-Haltung hier in Uelzen nach über 15 Jahren beenden werden.

Hierzu hat ganz wesentlich das rücksichtslose Verhalten der konventionellen Nachbarn beigetragen, bei denen offenbar nur jemand anerkannt wird, der über große Ackerflächen und reichlich PS bei seinen Schleppern verfügt. Kleinbäuerliche Strukturen mit ihren Marktnischen und Direktvermarktung sowie Querdenker werden rigoros plattgemacht zugunsten der Agro-Industrie mit ihrer einflussreichen Lobby und den hohen Subventionen.<br/>
Als  Hühnerrebell aus der Heide
haben wir in der Vergangenheit einiges bewirken und in Gang setzen können. Aber in dieser „Gemengelage“ sahen wir vor zwei Jahren keine Zukunft mehr in Niedersachsen, das immer mehr Hühnertrockenkot und Schweinegülle in den Osten des Landes transportiert. Im Nordwesten herrscht zwar fast Vollbeschäftigung aber die hohe Dichte an Masttieren sorgt hier massiv für die Zerstörung von Umwelt und Natur.

So sind zum Beispiel mehr als 40 Prozent der Trinkwasserbrunnen dieser Region nicht in der Lage, den EG-Richtlinien zu entsprechen. U.a. gibt es keine technischen Möglichkeiten, das Nitrat aus zum Wasser zu separieren. Ein sehr trauriges Ergebnis der extremen Tierhaltung im „Chicken Country“ Emsland…

Zusammensetzen eines Stalles

Die Zukunft der Bauerngockel…

ist ungewiss, denn wir haben nunmehr endgültig entschieden nach 25 Jahren Niedersachsen (und Uelzen) zu verlassen.

Ende 2015 werden wir unser 270 Jahre altes Domizil unweit der dänischen Grenze in Schleswig-Holstein beziehen und uns als „Rentner“ der Beratung widmen.

Wie schon in den vergangenen zwei Jahren wollen wir interessierten Menschen helfen, eine artgerechte Hühnerhaltung zu verwirklichen. Nach all den Skandalen der Vergangenheit spüren wir ein starkes Bedürfnis der Verbraucher, die Erzeugung von Eiern und Fleisch selbst vorzunehmen.

Unsere Hofstelle wird am Jahresende der älteste Sohn Lars übernehmen. Als gelernter Ökobauer und Master of Organic Food Management arbeitet er derzeit in der Fleischbranche.

Die Umbaumaßnahmen auf unserem großen Fachwerkhof haben bereits begonnen.

Unser zweiter Sohn Lutz hat als Zimmermann (aus eigener Eiche!) einen wunderschönen Anbau nicht nur entworfen, sondern auch in 10 Wochen selber gebaut.

Das untenstehende Foto gibt einen kleinen Einblick in die jetzt realisierten Aufgänge zu mehreren kleinen Wohnungen, denn unsere 700 qm Wohnfläche für zwei Personen waren auf Dauer einfach „etwas zu großzügig bemessen“...

Bauprojekt

Niels Odefey · Mehrerstraße 1 · 29525 Uelzen · Telefon 0170 - 8 34 32 08